
Vertieft »Das Drama des begabten Kindes« - Im Vorwort von Alice Millers »Am Anfang war Erziehung« steht zwar, man brauche ihr erstes Buch nicht gelesen zu haben, um dieses Zweite zu verstehen. Jedoch werden Leser, die mit diesem zweiten Buch in Millers Werk einsteigen, das Buch noch vor Ablauf der ersten 100 Seiten frustriert beiseite legen. Das liegt daran, dass diese ersten hundert Seiten fast ausschließlich aus Auszügen von Erziehungsbüchern des vorletzten Jahrhunderts bestehen. Zum Einen wiederholt sich der Inhalt dieser Auszüge oft. Zum Andern sind die Auszüge nur unzureichend kommentiert und der Leser kann nur schwerlich die Erziehungsmethoden von vor 200 Jahren auf seine eigene Kindheit anwenden. Nur wer Miller kennt und weiß, wie sehr sie ihre Leser durch ihre Bücher bewegen kann, wird an dieser Stelle weiterlesen.Die weiteren zwei Drittel dieses Buches sind wieder in bester »Drama-Qualtät«. Zwar sind nicht alle aufgestellten Thesen für Leser des Erstlings Neuland. Aber dafür wird das Vorwissen sehr schön vertieft, anschaulich gemacht und es erleichtert obendrein noch den Zugang. Interessant ist vor allem mitzuverfolgen, wie Miller, auf Basis von Tagebüchern und anderen Quellen, Psychogramme von Christiane F., Adolf Hitler und Jürgen Bartsch erstellt. Hierbei lernt der Leser nicht nur viel über diese genannten Personen, sondern auch über Millers Herangehensweise. Über die Psychogramme hinaus werden von Miller auch wieder viele Sachzusammenhänge angesprochen, die der Leser auf sein alltägliches Leben beziehen kann.Nicht alles an diesem zweiten Buch ist neu, aber vieles erstrahlt in völlig neuen Facetten. Wieder gelingt es Miller in einer einfachen Sprache schwierige Sachzusammenhänge verständlich zu erläutern. Ein gutes Buch um das »Drama« zu vertiefen und weniger ein Buch um in Millers Werk einzusteigen, da »Am Anfang war Erziehung« leider nicht ganz an das brillante Erstlingswerk heranreicht.Letztendlich rate ich jedem Menschen, der auf irgend eine Weise erzieherisch auf Menschen Einfluss nimmt, wenigstens einmal Miller gelesen zu haben. Und wenn dann »Das Drama des begabten Kindes« dann abgeschlossen wurde und immer noch Bedarf besteht, kann gerne in diesem Buch weitergelesen werden.
Aktueller denn je - Seit es wieder Ratgeber a la alle kinder können durchschlafen etc. gibt, in denen zurückgekehrt wird zur überholten repressiven Pädagogik des 19. Jahrhunderts, erscheinen Alice Millers Bücher und besonders dieses aktueller und wichtiger denn je.Es ist durchaus ein Hang zum Rückschritt in der Gesellschaft zu spüren, wie auch die Schlüsse, die das Schulwesen aus den PISA Studien zogen.Die Devise lautet Zurück zur Entmündigung schwächeren LebensAm Anfang war Erziehung ist für alle, die em dummen Herdentrieb der Gesellschaft nicht kritiklos folgen wollen.Wenn jemand kleine Kinder hat empfehle ich zusätzlich ein Buch von Jesper Juul Das kompetente Kind und schon hat man keine Versandkosten mehr.
lesenswert - Schon vor langer Zeit, als unser erstes Kind zur Welt kam, las ich Miller - sie schrieb viel (und oft das gleiche), doch dieses Buch schien mir von allen das beste,heute kommte es mir überholt vor, langwierig, wiewohl die Problematik Anfang der Achtziger Jahre aktuell gewesen sein mag. Miller erklärt mit dem Begriff der Schwarzen Pädagogik, wie es geschehen konnte, dass soviele Menschen sich dem Nationalsozialismus und seinem autoritären Regime hingaben, wie diese Obrigkeitshörigkeit entstand. Eines stört mich: Miller stellt unbeweisbare Behauptungen auf und macht daraus ein Apodiktum, wenn Sie z.B. von unterdrückter Wut oder nicht gelebten Emotionen spricht, dann folgt daraus dies und jenes, und weil diese Wut oder Emotion nicht erkannt wird und doch gelebt werden muss, richtet sie sich später gegen ein Esatzziel (Hitler Genozide, Selbstzerstörung) etc. Diese Schlüsse sind für mich reine Deutung aus der esoterischen Mottenkiste.
Eltern sollten dieses Buch unbedingt lesen! - Interessant, dass A. Miller trotz ihrer immer wiederkehrenden Erklärungen in diesem Buch dennoch von einigen Rezensenten missverstanden wird. Sie will die Täter (Bartsch) nicht VERHARMLOSEN und ihre Taten schon gar nicht ENTSCHULDIGEN. Sie macht auch nicht die Erziehung allein für die Taten verantwortlich, schon gar nicht die Eltern, die ja offensichtlich selbst in den Genuss der schwarzen Pädagogik gekommen sind. Sie zeigt einfach auf, wie es zu diesen unfassbaren Taten kommen konnte. Sie will die Mechanismen, die nach wie vor in der Erziehung (auch in der heutigen) greifen, aufzeigen und die Leser/Eltern auffordern, sie zu verstehen und im zweiten Schritt zu durchbrechen. Dafür wählt sie Beispiele, die auf den ersten Blick antiquiert erscheinen. Meiner Meinung nach sind sie es aber in keiner Weise! Die Entmachtung der Kinder vollzieht sich auch vielfach noch heute, die Art der Entmachtung hat sich vielleicht verändert. Es geht nicht in erster Linie darum, dass Kinder geschlagen werden und ihnen damit Gehorsam eingetrichtert wird/ihr Wille gebrochen wird. Das kann auch ohne Schläge passieren, mittels psychischen Drucks. Das fängt schon im Kleinen an. Wer hat nie den Spruch gehört: der liebe Gott sieht alles?! Wer ist nie dafür gelobt worden, besonders brav zu sein? Wer hat nie gehört: wenn Erwachsene sich unterhalten, hast DU den Mund zu halten? usw. In diesem Buch zeigt A. Miller verschiedene Mechanismen auf, mit denen Erwachsene ihre Macht über Kinder demonstrieren und ihnen Rechte absprechen, denen sie Gleichaltrigen nicht absprechen würden. Darum geht es meiner Meinung. Mich hat dieses Buch sehr fasziniert, da es dazu anregt, diese Mechanismen zu erkennen und hoffentlich bei den eigenen Kindern nicht zu wiederholen. Und jetzt greift schon wieder das schlechte Gewissen: ich will meinen Eltern keinen Vorwurf machen ... diese Ambivalenz ist es, die Miller aufzeigt. Tolles Buch, was jeder, der vorhat eine eigene Familie zu gründen, gelesen haben sollte!
beeindruckend und spannend - Ich habe das Buch in kurzer Zeit gelesen, weil es ausgesprochen fesselnd geschrieben ist. Die Darstellung der sog. schwarzen Pädagogik ist aufrüttelnd, ebenso die Lebensbeschreibung der drei konkreten Schicksale. Gut ist, dass die Autorin immer wieder darauf hinweist, dass sie das Verhalten Hitlers oder J. Bartschs nicht entschuldigen, sondern nur auf Kindheitserlebnisse zurückführen will. Gut ist auch die Erklärung der Gefühlsabkapselung bei dieser Art Pädagogik, die Darstellung der Verdrängungsmechanismen, sowie die fehlende Möglichkeit des Kindes, sich jemandem anzuvertrauen. Gut ist weiterhin ihre Betonung, dass jedem Kind Respekt entgegengebracht werden muss. Jedoch scheint die Autorin, wenn ich sie nicht missverstanden habe, der Ansicht zu sein, die geschilderten Erziehungspraktiken seien gang und gäbe. Sicherlich gibt es nach wie vor brutale Erzieher dieser Art, vielleicht auch mehr, als ich glaube, jedoch kann die Autorin mich absolut nicht davon überzeugen, dass dies quasi die Norm ist (auch damals nicht, als das Buch geschrieben wurde), und ich denke nicht, dass ich entsprechende Erlebnisse nur verdränge.Zudem ist es in der heutigen Zeit, so wie ich erfahre, durchaus erlaubt und üblich, Eltern zu kritisieren bis hin zur Hilflosigkeit der Eltern.Trotzdem ist das Buch lesenswert.